Von denen, die keiner haben wollte

Chronisch kranke und scheue Katzen

Nummer 3: Gremlin

Je länger Hetty und Lockheed hier lebten, desto deutlicher wurde, dass die beiden unterschiedliche Vorstellungen von Spielen hatten. Hetty wollte Auflauern und Fangen spielen. Lockheed wollte auf sie draufspringen und raufend mit ihr über den Boden kugeln. Es herrschte allgemeiner Frust, weil man faule Kompromisse eingehen musste, um überhaupt ein bisschen Action zu bekommen.
Im September 2013 beschlossen wir, Lockheed einen Raufpartner zu suchen.
Meinem Samariterkomplex sei Dank verließen das Tierheim wir mit dem armseligsten Tierchen, das wir hatten finden können.

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Das ist Gremlin. Er war um die 10 Jahre alt, ebenfalls FIV positiv, hatte kaum mehr Zähne und eine chronische Zahnfleischentzündung. Außerdem richtig zerfledderte Straßenkaterohren:

Er raufte nie mit Lockheed, aber Hetty schien ihn zu mögen. Sie lagen oft beieinander. Anfangs spielten sie sogar oft Fangen.

Kurz nach seiner Ankunft wurde bei ihm außerdem eine chronische Niereninsuffizienz festgestellt. Auf Anraten des Tierarzt bekam er deshalb erst mal Nierendiätfutter. In der Zwischenzeit versuchte ich die Krankheit irgendwie zu verstehen. Was ich rausfand, war ein Haufen widersprüchliches Zeug.
Proteine seien schlecht, sagten die einen, und kippten in die Spezialfutter deshalb mehr Kohlhydrate (also Getreide u.ä.). Getreide sei superschlecht, weil die Nieren das als Müll abbauen müssen, sagten die anderen, und rieten deshalb dazu, hochwertige Proteine zu füttern, also BARF (Biologisch Artgerechtes RohFutter). Wobei sich alle einig waren, war, dass Phosphor schlecht ist. Deshalb solle man einen Phosphatbinder geben. Auf Anfrage beim Tierarzt sagte der mir, Gremlin brauche noch keinen Phosphatbinder. Das könne man noch übers Futter regeln.
Also wieder zurück zum Futterproblem. Das Nierendiätfutter mochte Gremlin immer weniger. Lockheed fraß es dafür umso lieber und wurde, da dieses Futter neben Kohlehydraten viel Fett enhält, immer dicker. Ich fand eine Liste mit Futtersorten, die wenig Phosphor enthalten sollten, und fütterte erst mal die. Aber auch die trafen immer weniger Gremlins Geschmack.
Also versuchte ich die Sache mit dem Barfen zu verstehen. Rohes Fleisch mochte Gremlin nämlich sehr gern, ehemaliger Straßenkater, der er war. Barfer behaupten immer, das sei alles total leicht. Aus meiner Sicht ist es allerdings eine hoch komplexe Wissenschaft, und wenn man bei einem ohnehin schon kranken Tier dabei etwas falsch macht, bringt man es im Zweifelsfall schneller um, anstatt ihm zu helfen. Die Aussichten waren also rosig.

Zwischendurch war Gremliin immer wieder wegen seiner Zahnfleischentzündung beim Tierarzt und bekam praktisch dauerhaft Cortison. Eher suboptimal, da Cortison das Immunsystem runterfährt. Eine grandiose Idee bei einer Katze mit einer Immunschwächekrankheit.
Aber was sollte man machen? Der Tierarzt weigerte sich, Gremlins drei verbliebenen Zähne auch noch zu ziehen (in der Hoffnung, dass die Zahnfleischentzündung damit Geschichte sein könnte), weil man ihn dafür in Narkose legen müsste, was aufgrund der Nierenschwäche riskant gewesen wäre. Andererseits las ich, dass schlechte Zähne die Organe schädigen könnten, also auch die Nieren. Aber insgesamt blickte ich bei dem ganzen Gewirr an Informationen einfach viel zu langsam durch. Als ich gerade glaubte, alles halbwegs verstanden zu haben, sogar die Sache mit dem BARF, verweigerte Gremlin das Essen und spuckte Blut. Wir brachten ihn nachts in die Tierklinik. Diagnose: Nierenversagen.
Er war drei Tage in der Tierklinik, dann holten wir ihn nach Hause. Jetzt bekam er endlich einen Phosphatbinder, aber er wollte praktisch gar nichts mehr fressen. Schier unmöglich, Medikamente in ihn reinzubekommen. Dafür lernte ich, wie man subkutane Infusionen setzt. Dabei wird Flüssigkeit unter die Haut gespritzt, die dann vom Körper aufgenommen wird. So können Giftstoffe aus den Nieren gespühlt werden.
Aber er war erst ein halbes Jahr bei uns, und er war zwar nie scheu gewesen, aber auch kein unkompliziertes Kuschelkätzchen. Lange Jahre auf der Straße hatten ihn geprägt, und er begann das Vertrauen in uns zu verlieren, weil wir ihn ständig mit Nadeln piekten und versuchten ihm Medikamente einzuflößen. Er saß stundenlang unter dem Tisch auf dem Balkon, selbst bei Regen, weil er sich nicht mehr reintraute.
Da beschlossen wir, ihn in Ruhe zu lassen. Wir wollten ihn nicht zwingen, weiterzuleben, wenn es ein Leben in Angst für ihn bedeutet hätte.
Er kam wieder rein und ernährte sich drei Tage lang praktisch nur noch von Leckerlis. Drei Nächte lang schlief er an meinen Füßen im Bett, was er sonst nie getan hatte. Dann wurde er reizbar und hatte sichtlich Schmerzen. Also brachten wir ihn ein letztes Mal zum Tierarzt.

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2 Kommentare zu “Nummer 3: Gremlin

  1. mohrblog
    6. April 2015

    Wie traurig. Aber immerhin hatte er Menschen, die ihn geliebt haben und ihm den Gang über die Regenbogenbrücke so leicht wie möglich gemacht haben. Manchmal ist das eben das Einzige, was man für seinen vierbeinigen Freund tun kann…

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    • katzenspielplatz
      6. April 2015

      Danke. Bei Gremlin frage ich mich immer, ob er vllt noch länger gelebt hätte, wenn wir bei unserem jetzigen Tierarzt gewesen wären mit ihm. Der ist besser als der, den wir damals hatten. Es hilft halt nicht dabei, sinnvolle Entscheidungen zu treffen, wenn sich Tierarzt und andere Informationsquellen ständig wiedersprechen.

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Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. März 2015 von in CNI, FIV, Gremlin.

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